Service : Über uns : Aktuelles Projekt zur Geschichte des Museums

Aktuelles Projekt zur geschichtlichen Aufarbeitung

Das Desiderat einer Aufarbeitung der geschichtlichen Ereignisse rund um das Haus der Natur besteht spätestens seit den frühen 1990er Jahren, als die Aktivitäten von Eduard Paul Tratz, Gründer des Museums, während der NS-Zeit erstmals Gegenstand einer kritischen Berichterstattung in Medien und wissenschaftlichen Publikationen wurden. Aus heutiger Perspektive wäre es zweifellos schon damals angebracht gewesen, eine historisch-wissenschaftliche Aufarbeitung in die Wege zu leiten, insbesondere was die 1939 vollzogene Integration des Museums in die SS-Wissenschaftsorganisation „Ahnenerbe“ betrifft. Tatsächlich sollte es aber noch mehr als ein Jahrzehnt dauern, ehe in der Sitzung des Salzburger Gemeinderats vom 7. Februar 2007 von der Salzburger Bürgerliste der Antrag eingebracht wurde, Eduard Paul Tratz angesichts der Rolle, welche dieser im Dritten Reich gespielt habe, die 1963 verliehene Ehrenbürgerschaft der Stadt Salzburg abzuerkennen. Aus diesem Gemeinderatsantrag resultierte die Beauftragung des Historikers Robert Hoffmann. Er erstellte ein wissenschaftliches Gutachten zur Rolle von Tratz während des Dritten Reichs, welches in weiterer Folge den Anstoß für das derzeit laufende Projekt gab. Die in der Zeitschrift Zeitgeschichte publizierte Version des Gutachtens kann im digitalen Zeitschriftenarchiv (ANNO) der Österreichischen Nationalbibliothek abgerufen werden oder hier als pdf-Datei heruntergeladen werden.

Der formelle Startschuss für die umfassende kritische Aufarbeitung der Geschichte des Museums erfolgte auf Initiative des Direktors Norbert Winding mit dem Beschluss des Kuratoriums vom 8. Oktober 2010. Als erster Schritt wurde eine von Museum und Politik weisungsfreie Arbeitsgruppe eingerichtet. Es gelang die Zusammenstellung eines Teams von externen Wissenschaftlern, dem die Bearbeitung jener Themenbereiche übertragen wurde, welche die Geschichte des Hauses von seiner Gründung bis zum Ende der Ära Tratz betreffen, insbesondere aber die Jahre des Nationalsozialismus.

Als Mitarbeiter des Projekts wurden gewonnen:

  • Univ.-Prof. i. R. Dr. Robert Hoffmann (bis 2011 Professor am Fachbereich der Geschichte der Universität Salzburg) als Leiter des Projektteams
  • Univ.-Prof. Dr. Maria Teschler-Nicola (Direktorin der Anthropologischen Abteilung des Naturhistorischen Museums in Wien) als Expertin für den Umgang von Museen mit anthropologischen Objekten und Themen in der NS-Zeit
  • Dr. Susanne Köstering (Geschäftsführerin des Museumsverbands des Landes Brandenburg) als Expertin für die Museologie von naturkundlichen Museen im deutschsprachigen und mitteleuropäischen Raum
    Frau Köstering wurde mit Unterstützung der Stadt Salzburg ein zweimonatiger Forschungsaufenthalt (Januar und Februar 2013) im Haus der Natur ermöglicht.
  • Univ.-Prof. i. R. Dr. Alfred Goldschmid (bis 2007 Professor am Fachbereich organismische Biologie der Universität Salzburg) als Experten für die Bewertung zoologischer Aspekte

Unabdingbare Voraussetzung einer wissenschaftlichen Ausarbeitung der Geschichte des Museums waren die Sichtung, Ordnung und EDV-mäßige Dokumentation aller im Haus der Natur vorhandenen und bis dahin verstreut gelagerten Archivalien. Die Neuordnung des Archivs ist mittlerweile weitgehend abgeschlossen.

Als weitere wichtige Aufgabe vor allem in Hinblick auf die Provenienzrecherche, stellte sich das Neuanlegen eines digitalen Inventars der gesamten Sammlungsbestände. Die Arbeiten an den geschätzten 900.000 Sammlungsobjekten laufen noch.

Die Neuaufstellung des Archives, die Neuinventarisierung der Sammlungen und die Aufarbeitung der Sammlungsgeschichte wurde von MitarbeiterInnen des Museums Haus der Natur übernommen:

  • Dr. Robert Lindner (Leiter der Abt. Sammlungen und Wissenschaft/Salzburger Biodiversitätszentrum)
  • Mag. Sonja Frühwirth (Archivarin)

Neben den hauseigenen Beständen werden im Rahmen dieses Projektes auch andere umfangreiche Quellen erschlossen. Als wichtigste Quelle ist hier vor allem der Bestand des SS-Ahnenerbes im Bundesarchiv in Berlin zu nennen. Dieser Bestand wurde in älteren Studien zum Haus der Natur bereits punktuell ausgewertet, umfangreiche ergänzende Recherchen waren jedoch notwendig bzw. sind noch im Gange.

Weitgehend abgeschlossen sind dagegen die Recherchen im Salzburger Landesarchiv, für dessen Kooperationsbereitschaft wir uns besonders herzlich bedanken. Dasselbe gilt für das Archiv der Stadt Salzburg. Darüber hinaus erfolgten Recherchen in weiteren Archiven und Institutionen in Österreich, Deutschland und den USA, außerdem wurden zahlreiche Kontakte zu Personen im In- und Ausland aufgebaut, die sich mit ähnlichen Themen beschäftigen. Unter anderem stellte Dr. Gert Kerschbaumer dem Projektteam die Unterlagen seiner früheren Recherchen zum Haus der Natur zur Verfügung.

Ein wesentliches Ziel war auch die Information einer breiteren wissenschaftlichen Öffentlichkeit über das Projekt und vor allem auch die Vernetzung mit allen auf regionaler Ebene tätigen Provenienzforschungsteams (Salzburg Museum, Museum der Moderne, Universitätsbibliothek). Diesem Zweck diente ein am 5. Juli 2012 im Haus der Natur unter Beiziehung von Vertretern des Landesarchivs sowie des Stadtarchivs veranstalteter Workshop.

Die Ergebnisse des Projekts zur Aufarbeitung der Geschichte des Museums werden seit April 2014 in einer Sonderausstellung präsentiert, gegen Jahresende erscheint zudem eine Publikation, die sämtliche Ergebnisse zusammenfasst.

Literatur zum Haus der Natur während der NS-Zeit

in chronologischer Reihenfolge:

  • Michael H. Kater, Das „Ahnenerbe“ der SS 1935 – 1945. Ein Beitrag zur Kulturpolitik des Dritten Reichs, Stuttgart 1974 (Neuauflagen 1997 und 2001)
  • Sabine Schleiermacher, "Dem Menschen einen Weg in die Natur weisen“ − Das naturwissenschaftliche und didaktische Konzept des Museums „Haus der Natur in Salzburg“ im Nationalsozialismus, in: Ideologie der Objekte − Objekte der Ideologie. Naturwissenschaft, Medizin und Technik in Museen des 20. Jahrhunderts, Kassel 1991, 39 – 45
  • Gert Kerschbaumer, Das Deutsche Haus der Natur, in: Herbert Posch, Gottfried Fliedl (Hg.), Politik der Präsentation. Museum und Ausstellung in Österreich 1918-1945, Wien 1996, 180 – 212
  • Andrzej Meżýnski, Kommando Paulsen. Organisierter Kunstraub in Polen 1942–45, Dittrich, Köln 2000
  • Heather Pringle, The Masterplan. Himmler’s Scholars and the Holocaust, London 2006
  • Robert Hoffmann: Ein Museum für Himmler. Eduard Paul Tratz und die lntegration des Salzburger "Hauses der Natur" in das „Ahnenerbe" der SS, in: Zeitgeschichte, 35 Jg., Mai/Juni 2008, 154-175.
    Der Artikel kann im digitalen Zeitschriftenarchiv (ANNO) der Österreichischen Nationalbibliothek abgerufen werden oder hier als pdf-Datei heruntergeladen werden.